«Wir können nicht 20 Prozent der Gesellschaft therapieren»
Seit dem Frühjahr 2024 ist die Abnehmspritze Wegovy in der Schweiz für die Behandlung von Übergewicht zugelassen. Wegovy wird unter bestimmten Voraussetzungen von der Grundversicherung (OKP) vergütet. Im Interview diskutieren Dr. Susanne Maurer, Leiterin des Zentrums für Adipositas- und Stoffwechselmedizin in Winterthur sowie Sport- und Ernährungsmedizinerin, und Eveline Müller, Vertrauensärztin bei Helsana, wie die Vorgabe umgesetzt wird, die Herausforderungen im Alltag, die Wirksamkeit sowie die Kostengutsprache.
Was ist Wegovy und wie wirkt das Medikament?
Susanne Maurer: Wegovy enthält den Wirkstoff Semaglutid, einen sogenannten GLP-1-Botenstoff. GLP-1 ist ein Hormon, das freigesetzt wird, wenn wir Kohlenhydrate essen. Es sorgt dafür, dass die Bauchspeicheldrüse Insulin ausschüttet. Insulin hilft, Zucker aus dem Blut in die Zellen zu transportieren, die schnell Zucker verbrauchen. Etwa Muskeln, das Gehirn und weitere Organe. So wird verhindert, dass zu viel Zucker als Fett gespeichert wird. GLP-1 sorgt auch dafür, dass wir schneller satt sind und ein Gefühl von Zufriedenheit beim Essen spüren. Das Medikament wirkt länger und stärker als das natürliche Hormon und hilft so beim Abnehmen. Patienten verlieren im Durchschnitt etwa 15 Prozent ihres Körpergewichts.

Für wen ist Wegovy zugelassen und geeignet?
Susanne Maurer: Wegovy wird ab einem BMI von 30 ohne Begleitkrankheiten oder ab einem BMI von 27 mit Begleiterkrankungen wie Prädiabetes oder Bluthochdruck von Swissmedic zugelassen. 20 Prozent der Bevölkerung erfüllen diese Kriterien. Mit neuen Kriterien versuchen wir die Zulassungsbedingungen zu verfeinern. Denn nicht das Gewicht an sich ist behandlungsbedürftig: Adipositas ist eine krankhafte Fettverteilung in Folge eines langfristigen Energieüberschusses im Körper. Es gibt auch Normalgewichtige mit ungünstiger Fettverteilung, die eigentlich behandelt werden müssten, aber durch die aktuellen Kriterien nicht zugelassen sind. Umgekehrt haben manche Personen mit einem BMI über 30 keine medizinische Indikation. Wir wissen beispielsweise: Arthrosen an Knie und Fuss sind mit Adipositas assoziiert, an Wirbelsäule oder Hüfte meist nicht. Wenn also jemand Bandscheibenprobleme hat, ist Übergewicht selten die Ursache.
Deshalb sollte klar definiert sein, wann Übergewicht eine beeinträchtigende Krankheit ist und wann nicht. Ich verschreibe Wegovy vor allem Personen, die wegen Übergewicht Probleme wie Bluthochdruck oder Diabetes haben. Wer mit BMI 30 keine Begleiterkrankungen hat, den muss die Gesellschaft nicht zwingend beim Abnehmen unterstützen.
Eveline Müller: Was sollte denn Ihrer Meinung nach klarer definiert werden – die Fettverteilung oder zum Beispiel Prädiabetes?
Susanne Maurer: Beides, plus Blutdruckwerte und weitere Kriterien. Es gibt auch andere Begleiterkrankungen, beispielsweise Brustkrebs, wo ein hoher BMI nachweislich mehr Rückfälle bedeutet. Psychosoziale Faktoren sollten ebenfalls berücksichtigt werden.
Eveline Müller: In den Anfragen für eine Kostengutsprache sehen wir, dass dies Gruppenpraxen manchmal nicht ausreichend prüfen. Zudem melden sich Internisten bei der Gesellschaft für Diabetologie oder der Swiss Multidisciplinary Obesity Society (SMOB) an und sind so «berechtigt», das Rezept auszustellen. Bei Adipositaszentren habe ich kein Problem, aber bei Online-Centern fehlt mir oft das Vertrauen: Da reicht als Anamnese manchmal die Angabe zur Gewichtszunahme. Das ist nicht seriös.
Susanne Maurer: Dem stimme ich zu. Viele befassen sich nicht ernsthaft mit Adipositas. Wir versuchen, Adipositaszentren zu zertifizieren. Dies dauert, würde aber helfen. Auch ein zusätzlicher Titel, «Adiposiologe», würde die Qualität gewährleisten.
Was braucht es für eine erfolgreiche Therapie?
Susanne Maurer: Die Therapie bringt wenig, wenn die Leute nicht mitziehen. Wer nicht bereit dazu ist, bekommt von mir kein Rezept. Patienten füllen vor dem ersten Termin einen Fragebogen aus. So erfahren wir, wie motiviert sie sind. In den ersten drei Monaten braucht es engen Kontakt und danach braucht es mindestens alle neun Monate einen persönlichen Termin. Erscheint jemand zu oft nicht zu den vereinbarten Terminen, wird die Therapie beendet. Ausser bei psychisch Kranken, da gehe ich anders vor. Wir prüfen die Therapietreue auch an Blutwerten oder Körperfettmessungen. Nach drei Jahren endet die Kostengutsprache. Auch Die Nachbetreuung ist wichtig, denn ohne Lebensstiländerung droht der Jojo-Effekt.
Was sind Nebenwirkungen von Wegovy?
Susanne Maurer: 10 bis 20 Prozent leiden an Übelkeit, Verstopfung oder Durchfall. Dosisanpassungen oder andere Medikamente lindern diese Beschwerden teils. Schwere Nebenwirkungen wie Gallensteine oder allergische Reaktionen sind selten, kommen aber vor. Dann muss man die Therapie abbrechen.
Wie sieht die langfristige Erfolgsquote aus?
Susanne Maurer: 10 Prozent können ihr neues Gewicht halten. Wer beispielsweise Krafttraining macht, kann sein Gewicht besser stabilisieren. Die anderen 90 Prozent brauchen Wegovy nach drei Jahren weiterhin. Die Finanzierung nach drei Jahren sollte weiterhin gedeckt, an Erfolgskriterien geknüpft werden und vielleicht teilfinanziert sein, damit Patienten mehr Motivation haben mitzumachen.
Wie läuft die Kostengutsprache ab?
Eveline Müller: Die Vorgaben sind klar: Die erste Kostengutsprache läuft 16 Wochen und wir setzen beim ersten Antrag Gewichtsziele. Danach brauchen wir alle sechs Monate aktuelle Daten. Die maximale Kostendeckung beträgt 36 Monate. 90 % der Erstgesuche bewilligen wir. Pro Tag erhalten wir 100 bis 200 Wegovy-Gesuche. Wir sehen einen klaren Qualitätsunterschied zwischen den Adipositaszentern und den anderen Praxen und unterstützen den multidisziplinären Ansatz von Susanne Maurer. Der Therapieerfolg hängt entscheidend von der Compliance, der Mitarbeit und der persönlichen sowie psychosozialen Situation des Patienten ab. Wir befürworten die Zertifizierung von AdipositasZentren, damit Wegovy nachhaltig und zielgerichtet eingesetzt wird.
Was sind die Ursachen für Übergewicht?
Susanne Maurer: Da spielt Vieles zusammen: genetische Anlagen, Gesellschaft und Umwelt. Die Schweiz hat dank ihrer Infrastruktur und den sozialen Bedingungen eine relativ niedrige Adipositasrate. Niemand trägt allein Schuld daran – aber alle eine gewisse Mitverantwortung. Staaten wie Brasilien oder England zeigen, dass Prävention, beispielsweise durch eine Zuckersteuer, wirkt. Die Adipositashäufigkeit von 12-jährigen Mädchen hat sich in England halbiert.
Welche drei regulatorischen Massnahmen würden Sie einführen?
Susanne Maurer: Ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel, eine Zuckersteuer auf Getränke und mehr betriebliche Bewegungsförderung.